Musik im Herzen der Finsternis

Fiktionen beginnen seit jeher mit einer Frage. Die beiden Fragen, welche ich mir stellte, bevor ich mich an das Schreiben meines Romans “Wolfswechsel” machte, erschienen trügerisch simpel. Sie lauteten: Wenn es nicht seine Religion war, woher ein Mann seine Werte bezog, woher dann? Und wie verhielt sich jene Figur zu diesen Werten, sobald man sie in eine Kette unerhörter Ausnahmezustände stellte, dessen folgenreichster Auschwitz war?

Man kann mein Unternehmen, dieser Frage in Form eines Romans nachzugehen, als vermessen betrachten. Ich selbst betrat Auschwitz ja nur als Tourist. Und wer bin ich schon, mich an solche Probleme zu wagen?

Aber wir stellen uns an unseren Platz in der Welt, indem wir sie uns für uns erobern. Und unsere Fragen und Zweifel bilden diejenigen Mittel, die uns dazu zur Verfügung stehen. Wem auch dies immer noch suspekt erscheint, der mag sich mit Folgendem begnügen: Auf die Frage, weshalb er wiederholt sein Leben dafür riskierte, sämtliche Achttausender zu besteigen, entgegnete der weltberühmte Abenteurer Reinhold Messner einmal: „Einfach, weil sie da sind.“

Habe ich für mich durch das Schreiben dieses Textes eine Antwort auf meine Fragen gefunden?

Ich denke schon.

Wenn Wajda, der Held des Romans, davon spricht, dass „im wilden Herzen der Welt keine Registrierkassen klingeln“, so gilt ihm das gerade nicht als eine Ausrede dafür, dass schon deswegen auch alles erlaubt sei, sondern dient ihm als eine beständige Warnung wohin es führt, wenn man sich dazu entschließt, die zuweilen tatsächlich dünne Kruste der Zivilisation zu weit aufzubrechen. Als Wajda anschließend seine Metapher von der Musik im Herzen der Finsternis aufbaut und schließlich darauf besteht, dass man – falls man dieser Musik schon hilflos ausgeliefert war – dann immerhin darauf zu bestehen hätte, den Musikern, die jene Musik spielen, auch seine ganz eigene Melodie aufzuzwingen, bewegt er sich ganz bewusst in der Nähe des philosophischen Konzepts von Amor Mundi – der Liebe zur Welt, wie es von Hannah Arendt entwickelt worden war.

Dennoch, Amor Mundi – die Liebe zur Welt – scheint ausgerechnet im Zusammenhang mit einer Gestalt wie Wajda paradox. So liebevoll sind die Menschen und die Welt nicht mit ihm umgesprungen.

Aber ein Adolf Eichmann fand nie Gedanken und Gegenwärtigkeit genug um wenigstens den Versuch zu unternehmen, jener Musik im Herzen der Finsternis seine eigene Note aufzuzwingen. Alles, was er und seine Kumpane taten, war, sich bis zum Ende schlicht in einem Takt zu drehen, der ihnen nicht einmal aufgezwungen, sondern schlicht und ergreifend nur angeboten worden war. Sie hatten die Welt für sich verloren, gerade weil ihnen ein Teil der Menschen in jener Welt zu weiter nichts als Ziffern innerhalb eines abstrakten Planspiels geworden waren. Zumal ja auch von Eichmann glaubhaft versichert wird, dass er persönlich den Anblick der Öfen nicht ertrug, obwohl doch er und seine Kumpane wie niemand anderer dazu beitrugen, jene Öfen zu befüllen.

Während des Entstehungsprozesses eines Romans darf und hat man sich zu fragen: Was eigentlich ist der Mensch? Grundsätzlich wohl ein Wesen, das erst in der Beziehung zu anderen Wesen und der Welt, in die jene anderen Wesen gestellt sind, seine eigentliche Existenz für sich gewinnt.

„Die verfallenen Altäre“, heißt es bei dem Schriftsteller Ernst Jünger, seien „von Dämonen bewohnt.“

Sieht man jene Altäre im Sinne von Überzeugungen und Werten, so liegt auf der Hand: Die Altäre von Eichmann und Konsorten waren verlassen, bevor sich darin die Dämonen einer menschenverachtenden Ideologie breit machten.

Dämonen, und ganz besonders jene Sorte, die sich mit Vorliebe in verfallenen Altären breit macht, gehören jedoch ausgetrieben. Der erste Schritt, sie auszutreiben besteht darin, sie offen und vorbehaltlos bei ihren Namen zu nennen, wie immer die auch lauten mögen. Ob Antisemitismus, Zensur, religiöser Eifer, Fremdenangst oder schlicht Neid.

Aber schon Rousseau, einer der großen Aufklärer des 18. Jahrhunderts, warnte davor, dass man von all dem Licht, das mit der Erkenntnis einhergeht, zuweilen auch geblendet werden könne und darüber allzu leicht die Macht der Finsternis vergäße. Und tatsächlich existiert ja in uns ein Hang dazu, das Vergangene allzu rasch als erledigt zu den Akten legen zu wollen.

Zu einem gewissen Teil kann „Wolfswechsel“ auch als mein persönlicher, sehr bescheidener Beitrag dazu gewertet werden, diese (und andere ganz ähnliche) Warnung vor dem Vergessen vernommen und respektiert zu haben. *

*entstanden 2013 als Nachwort zu einer Neuausgabe meines Romans “Wolfswechsel”, leicht geändert und etwas erweitert habe ich den Text im Januar 2019